Das Zweite Bulgarenreich begann 1185 mit einem erfolgreichen Aufstand der Brüder Assen und Peter gegen Byzanz. Weliko Tarnowo mit seiner Festung Zarewez wurde zur glanzvollen Hauptstadt und zum geistigen Zentrum Südosteuropas. Unter Zar Iwan Assen II. erreichte das Reich seine größte Ausdehnung, ehe innere Zwietracht und die Osmanen 1396 sein Ende besiegelten.
Nach fast zwei Jahrhunderten byzantinischer Herrschaft kehrte Bulgarien 1185 auf die Bühne der Geschichte zurück. Ausgangspunkt war die alte Bojarenstadt Tarnowo, das heutige Weliko Tarnowo, wo die adligen Brüder Assen und Peter einen Aufstand gegen die drückende Steuerlast der Byzantiner anführten. Innerhalb weniger Jahre gelang es ihnen, die byzantinische Herrschaft abzuschütteln und einen neuen bulgarischen Staat zu errichten – das Zweite Bulgarenreich, benannt nach der Herrscherdynastie der Assen.
Dieses zweite Reich wurde zu einer der glanzvollsten Epochen der bulgarischen Geschichte. Von der mächtigen Festung Zarewez hoch über der Jantra-Schlucht aus regierten Zaren, deren Macht sich zeitweise über weite Teile des Balkans erstreckte. Tarnowo wurde zu einer prächtigen Residenzstadt und zum kulturellen Herz Südosteuropas. Dieser Ratgeber schildert Aufstieg, Blüte und Niedergang des Zweiten Bulgarenreiches – von der Erhebung der Brüder Assen bis zum Fall der Stadt an die Osmanen im Jahr 1396.
| Zeitraum | 1185–1396 |
|---|---|
| Gründer | Die Brüder Assen und Peter (Aufstand gegen Byzanz) |
| Hauptstadt | Weliko Tarnowo mit der Festung Zarewez |
| Blütezeit | Zar Iwan Assen II. (1218–1241) |
| Kultur | Literaturschule von Tarnowo, Patriarch Euthymius |
| Religion | Wiederhergestelltes bulgarisches Patriarchat (1235) |
| Ende | Osmanische Eroberung – Tarnowo 1393, Widin 1396 |
Fragen, die wir beantworten
- Wie kam es 1185 zur Wiedergründung?
- Warum wurde Weliko Tarnowo zur Hauptstadt?
- Was war die Festung Zarewez?
- Wann erlebte das Reich seine Blütezeit?
- Welche kulturelle Bedeutung hatte Tarnowo?
- Warum geriet das Reich in den Niedergang?
- Wie eroberten die Osmanen das Reich?
- Was kann man heute in Weliko Tarnowo sehen?
Wie kam es 1185 zur Wiedergründung?
Seit 1018 war Bulgarien Teil des Byzantinischen Reiches, doch die Erinnerung an die eigene Staatlichkeit blieb wach. Im späten 12. Jahrhundert geriet Byzanz durch Kriege und innere Krisen zunehmend unter Druck und erhöhte die Steuern in seinen Provinzen. Diese Last traf auch die bulgarischen Bojaren. Im Jahr 1185 erhoben sich die adligen Brüder Assen (Iwan Assen I.) und Theodor (Peter) in Tarnowo gegen die byzantinische Herrschaft. Zunächst gelang es den Byzantinern noch, den Aufstand niederzuschlagen, doch die Brüder kehrten mit Verstärkung zurück und errangen schließlich den Sieg. Ihre Erhebung stellten sie unter den Schutz eines Heiligen: Sie ließen in Tarnowo eine Kirche zu Ehren des heiligen Demetrios errichten und deuteten dessen Beistand als göttliches Zeichen für die Befreiung. Ein dritter Bruder, Kalojan, festigte das junge Reich später und erlangte sogar die Anerkennung durch den Papst. So entstand aus einem Steueraufstand innerhalb weniger Jahre ein selbstbewusster neuer Staat, der an die Größe des Ersten Bulgarenreiches anzuknüpfen suchte.
Warum wurde Weliko Tarnowo zur Hauptstadt?
Tarnowo – der Beiname „Weliko“ (das Große) kam erst später hinzu – bot ideale Voraussetzungen für eine Hauptstadt. Die Stadt liegt an einer dramatischen Schleife des Flusses Jantra, der sich tief in die Felsen gegraben hat und mehrere steile Hügel fast wie natürliche Festungen umschließt. Diese wehrhafte Lage machte Tarnowo nahezu uneinnehmbar und prädestinierte es zum Machtzentrum des neuen Reiches. Auf dem Hauptfelsen, dem Zarewez, entstanden der Zarenpalast und der Sitz des Patriarchen, auf dem benachbarten Hügel Trapesiza die Häuser des Adels und zahlreiche Kirchen. Rasch wuchs Tarnowo zu einer prächtigen, dicht bebauten Residenzstadt heran, die von Zeitgenossen als „zweites Konstantinopel“ gerühmt wurde. Hier residierten die Zaren, wurde die Politik des Reiches gemacht, blühten Handel und Handwerk. Bis heute ist Weliko Tarnowo eng mit dem Selbstverständnis Bulgariens verbunden – hier wurde nach der Befreiung 1879 auch die erste Verfassung des modernen Landes verabschiedet. Mehr über diese und andere sehenswerte Städte findest du im Bereich Städte & Regionen.

Was war die Festung Zarewez?
Der Zarewez war das Herz des Zweiten Bulgarenreiches – eine mächtige Festung auf einem von der Jantra umflossenen Felshügel mitten in Tarnowo. Hinter ihren gewaltigen Mauern und Türmen lagen der prächtige Zarenpalast mit Thronsaal und Kirchen, der Sitz des bulgarischen Patriarchen mit der Himmelfahrtskirche auf der höchsten Kuppe sowie zahlreiche Wohnhäuser, Werkstätten und Zisternen. Der Zugang führte über einen schmalen, leicht zu verteidigenden Felsgrat. Über zwei Jahrhunderte war der Zarewez Zentrum von Macht, Glaube und Kultur; an seinem Fuß erstreckte sich das rege Leben der Handwerker- und Händlerviertel. Nach der osmanischen Eroberung verfiel die Festung, doch im 20. Jahrhundert wurde sie umfassend erforscht und teilweise wieder aufgebaut. Heute ist der Zarewez die meistbesuchte Sehenswürdigkeit Weliko Tarnowos. Besonders beeindruckend ist die abendliche Ton- und Lichtschau, bei der die Festung in wechselnde Farben getaucht wird und mit Musik und Glockenklang die wechselvolle Geschichte des Reiches nacherzählt.
Wann erlebte das Reich seine Blütezeit?
Der Höhepunkt des Zweiten Bulgarenreiches fällt in die Regierungszeit von Zar Iwan Assen II. (1218–1241). Unter diesem klugen und tatkräftigen Herrscher erreichte das Reich seine größte Ausdehnung und reichte zeitweise von der Adria bis zum Schwarzen Meer. Den entscheidenden Erfolg brachte 1230 die Schlacht bei Klokotniza, in der Iwan Assen II. den mächtigen Rivalen aus Epirus vernichtend schlug und weite Gebiete unter seine Kontrolle brachte – der Legende nach nahm er den gegnerischen Herrscher gefangen, behandelte die einfachen Soldaten aber großzügig und ließ sie nach Hause ziehen. Iwan Assen II. war jedoch mehr als ein Feldherr: Er förderte Handel und Wirtschaft, ließ eigene Münzen prägen, schloss Handelsverträge mit den Republiken Italiens und galt auch bei seinen Gegnern als gerechter Herrscher. Unter ihm blühten Städte, Kirchen und Klöster auf. Diese Epoche gilt als das goldene Zeitalter des Zweiten Reiches – eine Zeit, in der Bulgarien wirtschaftlich, politisch und kulturell zu den führenden Mächten Südosteuropas zählte.
Welche kulturelle Bedeutung hatte Tarnowo?
Weliko Tarnowo war nicht nur politische Hauptstadt, sondern auch das geistige und kulturelle Zentrum der orthodoxen Welt jener Zeit. Ein Meilenstein war die Wiederherstellung des eigenständigen bulgarischen Patriarchats im Jahr 1235, das die kirchliche Unabhängigkeit des Landes bekräftigte. In den Kirchen und Klöstern der Stadt und ihrer Umgebung entstand eine reiche Buch- und Ikonenkunst. Im 14. Jahrhundert entfaltete die berühmte Literaturschule von Tarnowo unter dem letzten Patriarchen Euthymius eine rege Tätigkeit: Handschriften wurden gesammelt, die Rechtschreibung der Kirchensprache reformiert und zahlreiche Werke verfasst und abgeschrieben. Diese Tarnowoer Schule strahlte weit über Bulgarien hinaus und beeinflusste die Schriftkultur in Serbien, der Walachei und der Kiewer Rus. Als das Reich unterging, trugen fliehende Gelehrte dieses Wissen in andere orthodoxe Länder und bewahrten es so vor dem Untergang. Die Verbindung von Glaube, Sprache und Nationalbewusstsein, die hier gepflegt wurde, prägt Bulgariens Identität bis heute, wie du im Ratgeber zu Religion & Glaube nachlesen kannst.
Warum geriet das Reich in den Niedergang?
So glanzvoll die Blütezeit war, so rasch folgte der Niedergang. Schon bald nach dem Tod Iwan Assens II. schwächten mehrere Faktoren das Reich zugleich. Verheerende Mongoleneinfälle aus dem Osten verwüsteten das Land und zwangen die Zaren zeitweise zu Tributzahlungen. Innenpolitisch wuchs die Macht der einzelnen Bojaren, die immer eigenständiger agierten und die Zentralgewalt untergruben. Bauernaufstände, Thronstreitigkeiten und häufige Herrscherwechsel schwächten den Staat weiter. Im 14. Jahrhundert zerfiel das einst mächtige Reich schließlich in mehrere Teile: Neben dem Zarenreich von Tarnowo entstanden ein eigenständiges Zarenreich von Widin an der Donau und weitere Herrschaftsgebiete. Diese Zersplitterung machte Bulgarien wehrlos gegenüber der neuen Bedrohung, die sich aus Kleinasien näherte – den Osmanen. Ein geeinter Widerstand gegen die vordringenden osmanischen Heere kam angesichts der inneren Zerrissenheit nicht mehr zustande, und so besiegelte die Schwäche von innen das Schicksal des Reiches.
Wie eroberten die Osmanen das Reich?
Im Verlauf des 14. Jahrhunderts drangen die Osmanen unaufhaltsam auf den Balkan vor. Sie eroberten eine bulgarische Stadt nach der anderen, während die zerstrittenen Teilreiche einander kaum zu Hilfe kamen. Im Jahr 1393 fiel nach dreimonatiger Belagerung die Hauptstadt Tarnowo – ein schwerer Schlag, der das Herz des Reiches traf; der letzte bedeutende Zar, Iwan Schischman, verlor kurz darauf sein Leben. Drei Jahre später, 1396, eroberten die Osmanen auch das Zarenreich von Widin, das letzte unabhängige bulgarische Gebiet. Ein groß angelegter Kreuzzug westlicher Ritter, der die Osmanen aufhalten sollte, endete im selben Jahr in der Schlacht bei Nikopolis mit einer schweren Niederlage der Christen. Damit erlosch die bulgarische Staatlichkeit für fast fünf Jahrhunderte. Was folgte, war die lange Epoche der osmanischen Herrschaft, in der die Klöster zu den wichtigsten Bewahrern von Sprache und Glauben wurden. Dieser Zeit widmet sich das folgende Kapitel über die osmanische Herrschaft.
Was kann man heute in Weliko Tarnowo sehen?
Weliko Tarnowo gehört zu den schönsten Städten Bulgariens und ist ein Muss für alle Geschichtsinteressierten. Im Mittelpunkt steht die restaurierte Festung Zarewez mit ihren Mauern, Türmen und der wiederaufgebauten Patriarchenkirche, deren moderne Fresken die Geschichte des Reiches erzählen. Von den Höhen genießt man einen atemberaubenden Blick über die Altstadt, die sich malerisch an die steilen Hänge über der Jantra schmiegt. In den engen Gassen der Samowodska-Tscharschija, des alten Handwerkerviertels, reihen sich Werkstätten und kleine Läden. Sehenswert sind zudem das Museum der Wiedergeburt, die Kirche der vierzig Märtyrer, in der bedeutende Zareninschriften erhalten sind, sowie das nahe Dorf Arbanassi. Wer tiefer in die mittelalterliche Geschichte des Landes eintauchen möchte, verbindet den Besuch mit den Klöstern der Umgebung. Weitere lohnende Reiseziele und Sehenswürdigkeiten stellen wir im Bereich Kultur & Sehenswürdigkeiten vor.
Wann bestand das Zweite Bulgarenreich?
Das Zweite Bulgarenreich bestand von 1185 bis 1396. Es begann mit dem Aufstand der Brüder Assen und Peter gegen Byzanz und endete mit der osmanischen Eroberung von Tarnowo (1393) und Widin (1396).
Was ist die Festung Zarewez?
Der Zarewez ist die mittelalterliche Festung in Weliko Tarnowo, Hauptstadt des Zweiten Bulgarenreiches. Auf dem Felshügel über der Jantra lagen der Zarenpalast und der Sitz des Patriarchen. Heute ist die restaurierte Anlage mit ihrer Ton- und Lichtschau die Hauptattraktion der Stadt.
Wer war der bedeutendste Zar des Zweiten Reiches?
Als bedeutendster Herrscher gilt Iwan Assen II. (1218–1241). Unter ihm erreichte das Reich seine größte Ausdehnung und wirtschaftliche Blüte, unter anderem nach dem Sieg in der Schlacht bei Klokotniza 1230.
Warum ging das Zweite Bulgarenreich unter?
Mongoleneinfälle, mächtige Bojaren und ständige Thronstreitigkeiten schwächten das Reich. Im 14. Jahrhundert zerfiel es in Teilreiche wie Tarnowo und Widin, die den vordringenden Osmanen keinen geeinten Widerstand mehr entgegensetzen konnten.
Mittelalterliches Bulgarien entdecken
Festungen, Klöster und Königsstädte prägen das Erbe der Zaren. Entdecke die schönsten Städte und Regionen des Landes.
Weiter geht es mit der osmanischen Herrschaft, die fast 500 Jahre dauern sollte. Zurück zum Ersten Bulgarenreich oder zur Übersicht Geschichte.