Das Erste Bulgarenreich (681–1018)

Das Erste Bulgarenreich (681–1018)

Das Erste Bulgarenreich entstand 681, als Khan Asparuch Protobulgaren und Slawen an der unteren Donau vereinte und Byzanz einen eigenen Staat abrang. Von den Hauptstädten Pliska und Preslaw aus wurde Bulgarien zur Großmacht, nahm 864 das Christentum an und schenkte der slawischen Welt das kyrillische Alphabet. Seinen Höhepunkt erreichte es unter Zar Simeon I.

Mit dem Jahr 681 beginnt die eigentliche Geschichte des bulgarischen Staates. In diesem Jahr erkannte das mächtige Byzantinische Reich einen neuen Nachbarn südlich der Donau an – ein Reich, das aus dem Zusammenschluss zweier Völker hervorging: der reiternomadischen Protobulgaren unter ihrem Khan Asparuch und der bereits ansässigen Slawen. Aus dieser Verbindung entstand über die folgenden Jahrhunderte das bulgarische Volk, das seine Sprache von den Slawen, seinen Namen und seine staatliche Ordnung aber von den Protobulgaren übernahm.

Das Erste Bulgarenreich war weit mehr als eine kriegerische Macht an der Peripherie Europas. Hier wurde 864 die Christianisierung vollzogen, hier entstand mit dem kyrillischen Alphabet eine Schrift, die heute von rund 250 Millionen Menschen genutzt wird, und hier erlebte die slawische Kultur unter Zar Simeon dem Großen ein goldenes Zeitalter. Dieser Ratgeber erzählt die Geschichte dieses ersten Reiches – von der Gründung durch Khan Asparuch über die Taufe des Volkes bis zum tragischen Untergang unter den Schwertern von Byzanz.

Zeitraum681–1018
GründerKhan Asparuch (Sieg über Byzanz 680/681)
HauptstädtePliska (681–893), danach Preslaw (Weliki Preslaw)
Christianisierung864 unter Fürst Boris I.
SchriftKyrillisches Alphabet (Schule von Preslaw, um 893)
BlütezeitZar Simeon I. der Große (893–927)
Ende1018 – Eroberung durch Kaiser Basileios II. von Byzanz

Wie entstand das Erste Bulgarenreich 681?

Die Wurzeln des bulgarischen Staates liegen in der Völkerwanderungszeit. Die Protobulgaren waren ein reiterkriegerisches Turkvolk, das aus den Steppen nördlich des Schwarzen Meeres kam. Nach dem Zerfall des sogenannten Großbulgarischen Reiches am Asowschen Meer zog eine Gruppe unter Khan Asparuch nach Westen und ließ sich in den 670er Jahren im Gebiet an der unteren Donau nieder, wo bereits zahlreiche slawische Stämme siedelten. Statt sie zu unterwerfen, verbündete sich Asparuch mit den Slawen. Als das Byzantinische Reich diese Landnahme militärisch beenden wollte, erlitt Kaiser Konstantin IV. 680 eine schwere Niederlage. Im Jahr 681 musste Byzanz Frieden schließen und den neuen Staat samt Tributzahlungen anerkennen – ein historischer Moment, denn erstmals akzeptierte die Großmacht am Bosporus einen unabhängigen Staat auf ihrem einstigen Balkangebiet. Dieses Jahr gilt seither als Geburtsstunde Bulgariens, und die staatliche Kontinuität von damals bis heute macht Bulgarien zu einem der ältesten Staaten Europas, der nie seinen Namen wechselte.

Wer war Khan Asparuch?

Khan Asparuch (auch Isperich genannt) ist der Gründervater des bulgarischen Staates. Als Anführer der Protobulgaren führte er sein Volk aus den Steppen in die neue Heimat und verstand es meisterhaft, militärische Stärke mit kluger Bündnispolitik zu verbinden. Seine Leistung bestand nicht nur im Sieg über Byzanz, sondern vor allem darin, aus zwei sehr unterschiedlichen Völkern – den nomadischen Protobulgaren und den bäuerlichen Slawen – ein tragfähiges Gemeinwesen zu formen. Seine Nachfolger, die Khane des 8. und frühen 9. Jahrhunderts, bauten dieses Reich weiter aus. Besonders hervorzuheben sind Khan Krum (regierte 803–814), ein gefürchteter Feldherr und Gesetzgeber, der die byzantinische Armee vernichtend schlug und das Reich weit nach Süden ausdehnte, sowie Khan Omurtag, unter dem prächtige Bauten und Steininschriften entstanden. In dieser frühen Zeit verschmolzen Protobulgaren und Slawen allmählich zu einem Volk – ein Prozess, der mit der Annahme des Christentums und einer gemeinsamen Schrift seinen Abschluss finden sollte.

Der in den Fels gehauene Madara-Reiter, ein Reiterrelief mit Löwe und Hund, an einer steilen Felswand
Der Madara-Reiter, aus dem 8. Jahrhundert in den Fels gehauen, ist das steinerne Wahrzeichen des Ersten Bulgarenreiches und UNESCO-Welterbe.

Was waren Pliska und Preslaw?

Das Erste Bulgarenreich hatte im Lauf seiner Geschichte zwei große Hauptstädte. Die erste war Pliska, gelegen im Nordosten des heutigen Bulgariens. Sie war eine gewaltige Anlage mit mächtigen Erd- und Steinwällen, einem großen Khanpalast und Thermen – eine der größten Städte des frühmittelalterlichen Europas. In unmittelbarer Nähe, an den Felsen von Madara, ließen die Herrscher den berühmten Madara-Reiter in den Stein hauen, ein monumentales Reiterrelief aus dem 8. Jahrhundert, das heute als einziges Denkmal seiner Art zum UNESCO-Welterbe zählt und als Symbol der protobulgarischen Herrschaft gilt. Im Jahr 893 verlegte Zar Simeon die Hauptstadt in das nahe gelegene Preslaw (Weliki Preslaw). Diese neue Residenz wurde bewusst als christliche und kulturelle Metropole angelegt, mit prächtigen Kirchen, darunter der berühmten Runden Goldenen Kirche, und Werkstätten für die kostbare Preslawer Keramik. Beide Städte sind heute archäologische Reservate, in denen man die Fundamente von Palästen, Kirchen und Festungsmauern besichtigen kann.

Warum nahm Bulgarien 864 das Christentum an?

Die Annahme des Christentums im Jahr 864 war eine der folgenreichsten Entscheidungen der bulgarischen Geschichte. Fürst Boris I. stand damals vor einer doppelten Herausforderung: Nach außen war das heidnische Bulgarien zwischen den christlichen Großmächten Byzanz und dem Frankenreich isoliert, nach innen erschwerte der Glaubensunterschied das Zusammenwachsen von Protobulgaren und Slawen. Die Taufe sollte beide Probleme lösen – sie verschaffte Boris internationale Anerkennung und ein einigendes geistiges Band für sein Volk. Geschickt spielte er Rom und Konstantinopel gegeneinander aus, um möglichst günstige Bedingungen und eine eigenständige Kirche zu erreichen; letztlich fiel die Entscheidung zugunsten der Ostkirche und damit der Orthodoxie. Ein Teil des altgläubigen Adels lehnte sich gegen die neue Religion auf, doch Boris setzte sie mit harter Hand durch. Die Christianisierung machte Bulgarien endgültig zu einem europäischen Staat und legte den Grundstein für seine kulturelle Blüte. Mehr über die Rolle des orthodoxen Glaubens bis heute erfährst du im Ratgeber zu Religion & Glaube.

Wie entstand das kyrillische Alphabet?

Bulgariens größtes Geschenk an die Welt ist das kyrillische Alphabet. Seine Vorgeschichte beginnt bei den byzantinischen Gelehrten Kyrill und Method, die im 9. Jahrhundert für die Slawen die erste Schrift schufen, die glagolitische. Nach dem Tod der beiden Brüder wurden ihre Schüler aus Großmähren vertrieben und fanden im christlichen Bulgarien eine neue Heimat. Fürst Boris I. und später Zar Simeon nahmen die Gelehrten – allen voran Kliment von Ohrid und Naum – mit offenen Armen auf und förderten ihre Arbeit großzügig. An der berühmten Literaturschule von Preslaw entwickelten sie um das Jahr 893 aus der griechischen Schrift und der glagolitischen Vorlage ein neues, einfacheres Alphabet, das sie zu Ehren ihres Lehrers kyrillisch nannten. In dieser Schrift und in der altbulgarischen Sprache wurden nun kirchliche und weltliche Werke verfasst, übersetzt und in großer Zahl abgeschrieben. Von Bulgarien aus verbreitete sich das kyrillische Alphabet über Serbien und die Kiewer Rus in die gesamte orthodoxe slawische Welt. Bis heute feiern die Bulgaren am 24. Mai stolz den Tag der slawischen Schrift und Kultur. Mehr dazu liest du im Ratgeber Bevölkerung & Sprache.

Warum gilt Zar Simeon I. als der Große?

Die Regierungszeit von Simeon I. (893–927) gilt als das Goldene Zeitalter Bulgariens. Der hochgebildete Herrscher, der in Konstantinopel erzogen worden war, führte zahlreiche erfolgreiche Kriege gegen Byzanz und dehnte sein Reich auf fast die gesamte Balkanhalbinsel aus – von der Adria bis zum Schwarzen Meer und von der Donau bis tief nach Griechenland hinein. So mächtig wurde Bulgarien, dass Simeon als erster bulgarischer Herrscher den Titel „Zar“ (Kaiser) annahm und sogar den Kaiserthron in Konstantinopel selbst anstrebte. Noch bedeutender aber war seine Förderung der Kultur: An seinem Hof in Preslaw versammelte er Gelehrte und Schriftsteller, ließ Bibliotheken anlegen, griechische Werke ins Altbulgarische übersetzen und eigene Literatur schaffen. Unter ihm wurde Bulgarien zum kulturellen Zentrum der gesamten slawischen und orthodoxen Welt – ein Erbe, das weit über seinen Tod hinaus wirkte. Diese Blüte hatte allerdings ihren Preis: Die dauernden Kriege erschöpften das Reich und säten den Keim für die Schwäche, die sich unter Simeons Nachfolgern zeigen sollte.

Wie ging das Erste Bulgarenreich unter?

Nach Simeons Tod 927 begann der langsame Niedergang. Innere Streitigkeiten, ein aufkommender religiöser Reformstreit und der wachsende Druck von außen schwächten das Reich. Als das mächtige Byzanz unter Kaiser Basileios II. zur Gegenoffensive überging, wurde der Widerstand vor allem von Zar Samuil getragen, der sein Machtzentrum nach Westen ins heutige Nordmazedonien verlegte und Byzanz jahrzehntelang die Stirn bot. Das Ende kam grausam: 1014 fügte Basileios den Bulgaren in der Schlacht am Pass von Kleidion eine vernichtende Niederlage zu und ließ tausende Gefangene blenden – eine Tat, die ihm den düsteren Beinamen „Bulgarentöter“ (Bulgaroktonos) eintrug. Zar Samuil soll beim Anblick seiner geblendeten Krieger vor Entsetzen gestorben sein. Wenige Jahre später, im Jahr 1018, gab der letzte Widerstand auf, und Bulgarien wurde für über eineinhalb Jahrhunderte Teil des Byzantinischen Reiches. Erst 1185 sollte mit dem Zweiten Bulgarenreich die Eigenstaatlichkeit zurückkehren.

Was ist heute vom Ersten Reich zu sehen?

Das Erbe des Ersten Bulgarenreiches ist im Nordosten des Landes bis heute lebendig. In den archäologischen Reservaten von Pliska und Preslaw kannst du die Grundmauern der einstigen Hauptstädte, Palastanlagen und Kirchen erwandern und in den zugehörigen Museen kostbare Funde bewundern. Wenige Kilometer entfernt beeindruckt der Madara-Reiter, hoch in eine Felswand gemeißelt und von bulgarischen Inschriften umgeben. In Ohrid und Umgebung, dem einstigen Machtzentrum Zar Samuils, erinnern Kirchen und Festungen an die letzte Epoche des Reiches. Wer die kulturellen Wurzeln dieses Zeitalters weiterverfolgen möchte, findet in unserem Bereich Kultur & Sehenswürdigkeiten zahlreiche Anknüpfungspunkte – von den Klöstern bis zu den mittelalterlichen Handschriften. Und die Geschichte geht weiter: Wie Bulgarien nach der byzantinischen Zwischenherrschaft zu neuer Größe fand, erzählt das Kapitel über das Zweite Bulgarenreich.

Wann wurde das Erste Bulgarenreich gegründet?

Das Erste Bulgarenreich wurde 681 gegründet, als Khan Asparuch Protobulgaren und Slawen an der unteren Donau vereinte und Byzanz den neuen Staat anerkennen musste. Dieses Jahr gilt als Geburtsstunde Bulgariens, das seither seinen Namen nie wechselte.

Wann wurde Bulgarien christlich?

Bulgarien nahm 864 unter Fürst Boris I. das Christentum an und schloss sich der orthodoxen Ostkirche an. Die Taufe verschaffte dem Land internationale Anerkennung und einte Protobulgaren und Slawen zu einem Volk.

Wurde das kyrillische Alphabet in Bulgarien erfunden?

Ja. Schüler von Kyrill und Method entwickelten um 893 an der Literaturschule von Preslaw das kyrillische Alphabet, benannt nach ihrem Lehrer Kyrill. Von Bulgarien aus verbreitete es sich in die gesamte orthodoxe slawische Welt.

Wer war Zar Simeon der Große?

Simeon I. regierte von 893 bis 927 und führte Bulgarien in sein Goldenes Zeitalter. Er dehnte das Reich über weite Teile des Balkans aus, nahm als Erster den Titel Zar an und machte Preslaw zum kulturellen Zentrum der slawischen Welt.

Auf den Spuren der Reichsgründer

Der Madara-Reiter, Pliska und Preslaw erzählen vom ersten bulgarischen Staat. Entdecke die bedeutendsten Kulturschätze des Landes.

Zum Madara-Reiter

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